"Was hat er denn?"
Bewertung: ★★★★★
Leo Luxen ist zwanzig Jahre alt und ganz auf die Hilfe von seiner Mutter Pina angewiesen. Denn Leo lebt in seiner eigenen Welt und ohne feste Struktur läuft sein Tag nicht rund. So steht Leo erst auf, wenn in seiner Lavalampe eine grüne Blase aufsteigt. Treppen geht er nur mit zwei Schritten vor und einem zurück. Auch beim Essen ist er eigen. Er isst ausschliesslich eine einzige Sorte Frühstücksflocken, mit Milch und durchweicht.
Eine Katastrophe bahnt sich an, als Pina eines Tages nach dem Einkaufen einfach umfällt und auf die Intensivstation eingewiesen wird.
Die Nachbarn fühlen sich nicht verantwortlich für den sonderbaren jungen Mann in der Nachbarwohnung. Bis sie merken, dass Leo momentan niemanden hat und er sie braucht. Zola, die 16-jährige Schulabbrecherin, der merkwürdige Wojtek und die 86 Jahre alte Inge merken jedoch sehr schnell, wie anspruchsvoll die Betreuung von Leo ist.
WoW! Was für eine Geschichte.
Berührend und mit nachdenklich machenden, lauten und leisen Zwischentönen hat die Autorin eine Geschichte geschrieben, die Hoffnung und Empathie symbolisiert. Da sind Nachbarn, in einem Mietshaus mit vier Wohnungen, die mehr oder weniger anonym nebeneinander leben. Bis ein grosser Knall das Leben der Nachbarn erschüttert. Der Zusammenbruch und die Einlieferung ins Krankenhaus von Pina kitzelt das Beste aus jeder und jedem der Nachbarn.
"Was hat er denn?" mit solchen Fragen sehen sich Zola, Inge und Wojtek schon bald konfrontiert. Denn sie übernehmen Verantwortung und kümmern sich um Leo. Dabei merken sie, wie einschränkend die Grenzen für Menschen mit einer Beeinträchtigung sind. In einer Welt, die gemacht ist für Normalos.
Die drei Nachbarn, die sich um Leo kümmern, ziehen jedoch auch einen Nutzen aus der Situation: Zola, Tochter des Mietshausbesitzers, rebellisch, Zockerin, Schulabbrecherin und stark in Ausbildungsverweigerung, entdeckt in der Betreuung von Leo ihre soziale und empathische Seite. Sehr schön beschrieben, wie sie nach und nach Verantwortung übernimmt. Inge, die denkt mit 86 und lieblosen Jahren nach dem Tod von Ehemann Helmut ist es nun genug an Leben, entdeckt, dass sie doch noch gebraucht wird. Der Einsiedler Wojtek, der sich von einer geschickten Onlineverkäuferin ausnehmen lässt, schliesst eine Männerfreundschaft mit Leo.
Vera Zischke hat mit "Pina fällt aus" eine Basis geschaffen, Menschen mit ASS greifbarer zu machen. Zu verstehen, in was für Zwängen sie stecken und wie auch ihr Umfeld, allen voran die Betreuungspersonen, damit konfrontiert sind. Das konnte die Autorin hervorragend vermitteln. Der Punkt, an dem die nebeneinander lebenden Mieter zu einer Hausgemeinschaft werden, hat mich berührt. Dass die Autorin, eigene Erfahrung mit Menschen mit ASS hat, merkt man gut. Nichts wird verniedlicht. Obwohl einige Situationen urkomisch, aber nie lächerlich, sind.
Ein starkes Buch über Inklusion, Verantwortung für Mitmenschen und ASS.
Für das Rezensionsexemplar bedanke ich mich bei Vorablesen und dem Ullstein Verlag!

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