ERSCHÜTTERND
Bewertung: ★★★★☆
Es ist der erste Schultag für Hazel Blum und schon wird sie ins Büro des Direktors gerufen. Die Achtzehnjährige ist kurz vor Schulbeginn mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder Wolf nach Riverburg gezogen. Der neue Job von Vater Gus und die Zusicherung für eine Studienbeihilfe für Hazel hat die Familie von Brooklyn in das beschauliche Riverburg ziehen lassen.
Der Schock ist gross bei Hazel als Direktor White ihr verkündet, dass er im neuen Schuljahr genau sie ausgewählt hat, um eine sexuelle Beziehung einzugehen. Lehnt sie ab, verliert sie das Stipendium und damit die Aussicht für ein Studium an einer namhaften Universität. Hazel wehrt sich gegen diese Erpressung und sagt Nein! In diesem Moment ahnt sie noch nicht, wie gross der Stein ist, den sie damit ins Rollen bringt.
Ich muss gestehen, dass ich mich ganz schön geärgert habe beim Einstieg in das Buch. Direktor White ist die Arroganz in Person. Welche Herablassung und was für ein selbstherrlicher Typ, der es wagt, einem jungen Mädchen so ein "Angebot" zu machen. Damit hatte mich die Autorin schon im Sack und es hat sich ein Sog entwickelt. Ich wollte unbedingt wissen, wie die Geschichte für Hazel weiter und ausgeht. Zu dem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, was für einen grossen Stein Hazel mit ihrer logischen Weigerung hier lostritt.
Die ganze Familie, Vater Gus, Mutter Claire sowie der elfjährige Bruder Wolf, gerät ins Kreuzfeuer von Beleidigungen, Verleumdungen und Hass. Wie auch im realen Leben oft wird hier der Spiess umgedreht und das Opfer in die Täterrolle geschubst. Mich hat die Thematik und diese Seite der Geschichte ganz schön mitgenommen und erschüttert.
In eigenen Kapiteln kommt nicht nur Hazel, sondern auch ihre Eltern und ihr Bruder zu Wort. Erschütternd, wie sie gemobbt werden, nur weil es Hazel wagt den allseits beliebten und angesehenen Lehrer zurückzuweisen. "Es ist doch gar nicht passiert" heisst es, um die Avancen dieses Widerlings zu entschuldigen und verharmlosen. Unglaublich und authentisch, wie ein Stein ins Rollen gerät. Sich dann schneller als man denkt zu einer Lawine entwickelt und dabei Beteiligte, unbeteiligte Besserwisser und Neugierige mitreisst. Plötzlich hat jeder etwas dazu zu sagen und eine Meinung, die er sich vom Hörensagen gebildet hat.
So weit, so gut und nur ein kleiner Teil der ganzen Geschichte. Die weitere Handlung wird von Hazels Entwicklung, ihren Zukunftsaussichten, aber auch von Claires Selbstfindung bestimmt. Gerade letzteres fand ich zu sehr Raum einnehmend. Anstatt Claires beruflicher Orientierung hätte ich lieber erfahren wie zum Beispiel Hazels Mitschüler Position nehmen.
Die Autorin hat mit feinem Gespür genau die richtige Dosierung an Gefühlen der Figuren erwischt. Gefallen hat mir, dass der Direktor nicht direkt zu Wort kam, sondern seine Seite in Zeitungsartikeln usw. dargelegt wurde. Denn ich glaube nicht, dass ich ihn und seine Perspektive mit all den Lügen ertragen hätte. Grandios und zum Schmunzeln fand ich die Dialoge zwischen den Mitgliedern der Familie Blum. Von Wolf, der die Thematik immer wieder auf den Punkt bringt, war ich schnell ein Fan.
Jessica Berger Gross hat einen etwas langatmigen Schreibstil. Sie presst oft viele Wörter in einen Satz, der diesen dann kompliziert machen. Manchmal wäre weniger mehr gewesen. Weniger Wörter, präzisere Ausdrücke und einen gestrafften Wortlaut.
Für das Rezensionsexemplar bedanke ich mich bei NetGalley und dem Lübbe Verlag!

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen