Mittwoch, 4. Februar 2026

Ginny Moon hat einen Plan / Benjamin Ludwig

AUSSERGEWÖHNLICHE PERSPEKTIVE

Bewertung: ★★★★★



Mit neun Jahren wird Ginny ihrer Mutter Gloria weggenommen und landet nach der dritten Pflegefamilie bei Maud und Brian Moon. Dort findet die Vierzehnjährige zum ersten Mal Ruhe und Stabilität. Eine gleichförmige Routine, die sie dringend benötigt. Denn Ginny ist anders als andere Jugendliche in ihrem Alter. 

Obwohl sie sich wohlfühlt bei ihren Herzenseltern, wie sie Maud und Brian nennt, treibt sie ihre Unruhe an und sie schmiedet einen Plan. Ginny will unbedingt ihre leibliche Mutter Gloria finden und mit ihr Kontakt aufnehmen. Denn Gloria ist unzuverlässig und hat das Liebste, was Ginny auf der Welt hat und vor fünf Jahren zurücklassen musste.

In Ich Perspektive erzählt Ginny, was ihr in jüngeren Jahren widerfahren ist, was sie nun in ihrer neuen Herzensfamilie fühlt und welche Angst sie umtreibt. Das ganze Buch über erzählt Ginny in Ich Perspektive. 

Ginny lebt mit ASS und hat eine diagnostizierte Entwicklungsstörung. Der Autor hat der Beeinträchtigung seiner Protagonistin Rechnung getragen und lässt Ginny in einer einfach gehaltenen Sprache erzählen. Ich musste manchmal einen Satz lesen, dann noch einmal lesen, darüber nachdenken und habe erst dann seine Bedeutung verstanden. Was oft zurückbleibt, sind die Gedanken einer traumatisierten und hin und her gerissenen Jugendlichen. Einer jungen Frau, die durch ihre Beeinträchtigung ASS alles wortwörtlich nimmt und oft die Welt und ihre Mitmenschen nicht einordnen kann. Selten hat mich eine Figur so berührt wie Ginny. 

Ginny ist jedoch auch ein Pulverfass. Denn manchmal muss sie sich Luft machen und sie ist gemein oder explodiert regelrecht. Das oft nicht nur mit verbalen, sondern auch physischen Ausfällen. Ihre für ihr Umfeld manchmal kruden und gefährlichen Ideen und Handlungen, machen oft erst Sinn, wenn man sie aus ihrer Sicht ansieht.  

Ginny ist die ganze Geschichte lang besorgt um eine Babypuppe, die noch bei ihrer leiblichen Mutter ist. Ich habe mich lange gefragt, was diese Fixation soll. Diese Frage und das Leid Ginnys dahinter hat mich durch die Geschichte gejagt. Ihre Adoptiveltern, denen eine Psychologin beisteht, sind zeitweise überfordert mit Ginny und ihrer Art die Dinge anzugehen. Herzzerreissend, wie sie ihrer Adoptivtochter die kleine Schwester vorenthalten oder sie bitten, nicht zu lauern. Verständlich ihre Angst, dass Ginny ihrem Baby Wendy etwas antun könnte...aber halt auch sehr traurig und beschämend für Ginny.

Der Autor, der Adoptivvater einer autistischen Tochter ist, hat mit seinem Insiderblick diese Geschichte sehr authentisch gemacht. Sehr gelungen, wie er Ginny eine Stimme gibt, die überzeugend herüberkommt.

Mit seinem Debüt hat mich Benjamin Ludwig begeistert und mit seiner aussergewöhnlichen Perspektive hebt er sich von anderen Büchern dieser Art ab.

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