AUTHENTISCH
Bewertung: ★★★★★
Nach einem Vorfall in der Schule werden Luca's Eltern zu einem Gespräch in die Schule gebeten. Der Siebenjährige hat sich daneben benommen und schweigt sich über das Geschehene aus.
Pia und Jakob wollen wissen, was genau geschehen ist und machen Druck. Jakob ist überzeugt, dass Luca ein guter Junge ist und sein Fehlverhalten nicht so schlimm war, wie es dargestellt wird.
Doch Pia hat ihre Zweifel, denn immer wieder blitzen Verhaltensweisen bei Luca hervor, die sie nicht versteht und auch nicht gutheisst. Verhaltensweisen, die sie an ihre Schwester erinnern.
Authentisch erzählt die Autorin diese Familiengeschichte. Authentisch sind die Erlebnisse, Sorgen, Gedanken, die Pia als Mutter von Luca hat und erlebt. Sie liebt ihren Sohn, ohne Frage. Sie vermisst jedoch die Kleinkinder und Babyzeit, als Luca noch komplett auf sie konzentriert war. Denn der Junge wird zu einem eigenständigen Mensch und Pia hat nicht mehr immer die Kontrolle über ihn.
Denn Pia macht das durch, was viele Mütter durchmachen: loslassen. Ihren Sohn seinen Radius erweitern lassen und darauf vertrauen, dass die bisherige Prägung die richtige war und Früchte trägt. Und genau hier ist Pias grosses Problem und auch der Plot begraben. Luca wird nach einem Vorfall in der Schule akribisch beobachtet, gewertet und stigmatisiert.
Dies nicht unbedingt von der Schule, sondern von anderen Eltern und vor allem von Pia. Dabei hat Pia immer ihre eigene Kindheit, die durch einen grossen Verlust geprägt war, im Kopf. Dieser einschneidende Verlust, eine tragische Sache in der Kindheit, hat nicht nur Pia geprägt. Auch ihre Eltern haben sich seither verändert und auch die Beziehung zu den Töchtern Pia und Romi verkompliziert.
Die ganze Geschichte wird in Ich Perspektive von Pia erzählt. Sie zeigt ihre Sicht in der Gegenwart und in kurze Passagen, wie sie ihre Kindheit erlebt hat. Ihre Familiengeschichte wird prägend für ihr Verhalten in der Gegenwart und ist psychologisch sehr gut ausgearbeitet.
Der Spagat zwischen leisen Tönen und einer Handlung, die mitreisst, ist Jessica Lind hervorragend gelungen. Mit einem prägnanten, einfach gehaltenen Schreibstil, der ab und zu wienerisch eingefärbt ist, hat sie aus einer Familiengeschichte ein Werk gemacht, das nachhallen wird. Themen wie Geschlechterrollen, Muttergefühle, Solidarität in der Beziehung und Traumata ziehen sich durch die Geschichte.
Für das Rezensionsexemplar bedanke ich mich beim Blessing Verlag und dem Bloggerportal.

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