Sonntag, 30. November 2025

Freie Liebe / Tessa Hadley

SELBSTBESTIMMUNG

Bewertung: ★★★★☆



London erlebt die 1967-er Unruhen, Proteste sind an der Tagesordnung. Mitten in der turbulenten Zeit lebt die Familie Fischer beschaulich in einem Vorort. Phyllis, Hausfrau und Mutter, ihr Ehemann Roger, der einen einflussreichen Beruf im Aussenministerium hat und die beiden Kinder, der neunjährige Hugh und Teenager Colette. 

Einer alten Freundin zuliebe laden die Fischers deren Sohn Nicholas zum Essen ein. Nicky flirtet heftig mit Phyllis, diese ist sofort verzaubert von dem Zwanzigjährigen. Schon bald entwickelt sich eine Amour fou zwischen den beiden und Phyllis muss Entscheidungen treffen. Entscheidungen, die Erwartungen an sie infrage stellen und gegen die allgemeinen Konventionen gehen.

Die Geschichte handelt 1967 und ist dementsprechend eher altmodisch gehalten. Es wird noch per Telefon, notfalls in einer Telefonzelle, kommuniziert und auf der Schreibmaschine werden Briefe geschrieben. Tessa Hadley, die "Freie Liebe" 2021 herausgegeben hat, war durchwegs überzeugend in den vielen Details. 

Auch die Rolle, die Phyllis innehat, ist typisch für diese Zeit. Sie organisiert Haushalt und Kinder und hält ihrem Mann den Rücken frei. Doch dabei ist sie nicht glücklich und der Ausbruch aus dieser scheinbar perfekten Fassade ein harter innerer Kampf. Bis sie sich gegen ihre Familie und für ihre Selbstbestimmung und ihr inneres Glück entscheidet. Dieser Ausbruch aus den Fesseln der Konventionen bringt für ihre Familie eine grosse Veränderung. Vor allem die 15-jährige Tochter Colette nagt schwer daran.

Die Autorin hat einen wirklich gut zu lesenden Schreibstil und hat es sehr gut verstanden, die Figuren so zu charakterisieren, dass man versteht, was in ihnen vorgeht. Ich konnte mich absolut wertungsfrei auf die Geschichte einlassen. Denn ich konnte nachvollziehen, wie sich die einzelnen Parteien fühlen. 

Phyllis zum Beispiel, die unglücklich in ihrer Ehe ist und sich gegen ihre Kinder entscheidet, um sich ganz zu fühlen. Wenigstens ein einziges Mal in ihrem Leben selbst bestimmt zu entscheiden. 

Roger, der eigentlich ein guter Ehemann ist und irgendwo seine Frau und ihren Mut versteht. Colette, die wissen will, was Sache ist und in akribischer Detektivarbeit versucht ihre Mutter aufzuspüren. Und dann ist da noch der neunjährige Hugh, der als Einziger nicht glaubhaft war. Denn so wie er spricht, reagiert und handelt ist er nie und nimmer ein Neunjähriger. Da hat die Autorin arg danebengehauen in der Charakterisierung.

Wendungen, die überraschen, machen "Freie Liebe" zu einem abwechslungsreichen Familienroman, in dem auch tiefer gehende Themen angesprochen werden.

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